Naturwissenschaften

Der Umgang mit feucht konservierten Geschichtsquellen erfordert ein hohes Maß an Sachverstand, den sicheren Umgang mit Techniken der Unterwasserarchäologie und  eine intensive Zusammenarbeit von Archäo-, Geo- und Biowissenschaftlern.

Auf diesen Seiten stellen wir Ihnen als Erstes die Archäozoologie vor:

 

 

Archäozoologie

Die Archäozoologie ist eine naturwissenschaftliche Teildisziplin der Archäologie.

 

Die Quellen der Archäozoologie

Untersuchungsgegenstand der Archäozoologie sind im Wesentlichen die bei archäologischen Ausgrabungen geborgenen Überreste von Wirbeltieren. Darunter befinden sich vor allem Knochen, Zähne, Geweih und, in Abhängigkeit von den Erhaltungsbedingungen, auch Horn, Fell und Weichteile. Weiterhin können auch Reste von Wirbellosen (meist Weichtiere und Insekten) in Form von Schalen und Gehäusen vorhanden sein. Neben ihren Überresten selbst hinterlassen viele Tierarten charakteristische Lebensspuren im archäologischen Befund: Dazu zählen Trittsiegel, Fährten, Bauten (zumeist beobachtet als Eindringen bodenbewohnender Arten), Fraßspuren und Exkremente.

Archaeozoologie

Auch zeitgenössische figürliche Darstellungen, schriftliche Dokumente und insbesondere bildliche Darstellungen, welche sich von der jungpaläolithischen Wandkunst bis zur Tiermalerei des 19. Jahrhunderts verfolgen lassen, sind eine unverzichtbare Quelle für das äußere Erscheinungsbild ausgestorbener Tierarten und Haustierrassen sowie deren wirtschaftlicher Bedeutung.

Die Isotope verschiedener chemischer Elemente und das Erbgut aus den Knochenfunden sind weitere Quellen der Archäozoologie, die mit Hilfe aufwändiger naturwissenschaftlicher Verfahren erschlossen werden können.

 

 

Die Methoden der Archäozoologie

Die unverzichtbare Grundlage einer archäozoologischen Untersuchung ist die sorgfältige zoologisch-anatomische Bestimmung der Tierreste: Sie erfolgt unter Berücksichtigung der einschlägigen Bestimmungsliteratur und unter Zuhilfenahme einer osteologischen Vergleichssammlung. Weiterhin werden der Skelett- und Knochenteil, die Position (z. B. die Körperseite) des betreffenden Skelettelementes bestimmt und wenn möglich auch das Individualalter und die Geschlechtszugehörigkeit des Tieres. Die Beschreibung eventuell vorhandener pathologisch-anatomischer Veränderungen ergänzen die zoologisch-anatomischen Primärdaten.

Von großer Bedeutung sind die osteometrischen Informationen, die bei der Vermessung  von Tierknochen erhoben werden. Die Erfassung der Messwerte erfolgt nach einem internationalen Standard, der die Vergleichbarkeit der Messwerte gewährleistet und so die Untersuchung überregionaler und diachroner Fragestellungen wie z.B. die Entwicklung der Größe und Wuchsform ausgewählter Tierarten ermöglicht.

Die Quantifizierung der Tierknochenfunde nach Anzahl, Gewicht und Konzentration beschreibt die ernährungswirtschaftliche Bedeutung bestimmter Haus- oder Wildtiere und erlaubt Rückschlüsse auf die sich wandelnden Subsistenzstrategien unserer Vorfahren in den verschiedenen Perioden der Ur- und Frühgeschichte.

Die Vielzahl von Spuren auf der Oberfläche der Tierknochenfunde ist Gegenstand der  taphonomischen Untersuchung. Anhand dieser Spuren lassen sich anthropogene Aktivitäten (z. B. die Zerlegung der Tierkörper) ebenso nachvollziehen wie natürliche Prozesse (z.B. die Verwitterung der Knochenfunde).


Innovative Analyseverfahren erschließen neue Quellen und erweitern die bisherigen Erkenntnismöglichkeiten der „klassischen“ Archäozoologie: So geben die Verhältnisse bestimmter stabiler Isotope von verschiedenen Elementen wie z.B. Kohlenstoff (C), Stickstoff (N), Sauerstoff (O) und Strontium (Sr) in Knochen und Zähnen Auskunft über 1. Nahrungsnetze, 2. klimatische und ökologische Charakteristika prähistorischer Lebensräume und 3. Mobilität, Handel und Herkunft von Tier und Mensch. Das radioaktive Isotop 14C des Kohlenstoffs ermöglicht mit Hilfe chemisch-physikalischer Verfahren auch die absolut-chronologische Datierung von Tierresten. Die molekulargenetische Untersuchung von prähistorischem Erbgut oder so genannter alter DNA öffnet neue Einblicke in die Anfänge und den Verlauf der  Domestikationsgeschichte unserer Haustiere. Bis dahin beruhte ihre Rekonstruktion im Wesentlichen auf morphologisch-metrischen Informationen, die jedoch lediglich Rückschlüsse auf die Veränderungen der Körpergröße und der Wuchsform der betreffenden Tierarten gestatteten.

 

Die Ziele der Archäozoologie

 

Mit der Rekonstruktion der zeitgenössischen Tierwelt liefert die Archäozoologie einen wesentlichen Beitrag zur Umweltgeschichte des Quartärs. Als besonders eindrucksvolles Beispiel sei hier der markante Faunenwandel zwischen Pleistozän und Holozän erwähnt.

Im Mittelpunkt der archäozoologischen Forschung stehen aber die Wechselbeziehungen zwischen dem Menschen und seiner zeitgenössischen Tierwelt. Diese Beziehungen sind mannigfaltig, durchdringen viele Lebensbereiche der Gesellschaft, und verändern sich in Zeit und Raum.

Die Tierwelt liefert, sei es in Form von gejagten Wildtieren oder von in menschlicher Obhut erzeugten Nutztieren, einen wesentlichen Beitrag zur menschlichen Ernährung. Zahlreiche Tierarten liefern darüber hinaus wichtige Rohstoffe (Haut, Knochen, Haare etc.) und Energie (Dung, Arbeitskraft). Insbesondere die Entstehung der Haustiere, ihre weitere Entwicklung in menschlichem Gewahrsam und ihre spezifische Nutzung sind ein besonders wichtiges Forschungsfeld der Archäozoologie (Domestikationsgeschichte).

 

 

Archaezoologie

Neben ihrer ernährungswirtschaftlichen Bedeutung spielen Tiere in prähistorischen und antiken Gesellschaften auch in Ritual, Kult und Religion eine wichtige Rolle: Ausgewählte Tierarten begegnen uns hier regelmäßig als Speisebeigabe in Gräbern oder als Opfertiere in Tempelanlagen. Mehr oder weniger kunstfertige bildliche und figürliche Darstellungen von Tieren sind aus vielen Epochen überliefert und auch heute noch allgegenwärtig. Den Menschen dienen verschiedene Tierarten als Ausdruck ihres gesellschaftlichen Status und ihrer kulturellen bzw. religiösen Identität (Nahrungstabus). Die intensive emotionale Bindung zwischen dem Menschen und ausgewählten Tierarten (z. B. Hund) lässt sich spätestens seit der Antike beobachten.

 

 

Glossar

DNA = DNS: deoxyribonucleic acid = Desoxyribonukleinsäure

Domestikation: Umwandlung von Wildtieren zu Haustieren durch den Menschen.

Domestikation ist der Prozess, währenddessen eine Population von lebenden Organismen durch Generationen selektiver Zucht auf genetischer Ebene verändert wird, um den Menschen Nutzen zu bringen.

Erbgut: Als Erbgut oder auch Genom eines Lebewesens wird die Gesamtheit der vererbbaren Information bzw. des genetischen Materials einer Zelle bezeichnet. Als Informationsträger dient die Desoxyribonukleinsäure (DNA).

Geschlechtszugehörigkeit: Die geschlechtsspezifische Ausprägung morphologischer Merkmale (z.B. die Anwesenheit, Größe und Gestalt von Stirnwaffen [Geweih und Hornzapfen] oder die Anwesenheit und Gestalt von Eckzähnen) ermöglicht die Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit der Tierknochenfunde.

Holozän: Jüngerer Abschnitt des Quartärs; begann vor ca. 12.000 Jahren und dauert bis heute an.

Individualalter: Zur Altersbeurteilung dienen Alterskennzeichen am Gebiss (z.B. der Durchbruch der Milch- und Dauerzähne, der Wechsel und die Abnutzung der Zähne) und am Skelett (z.B. die Verknöcherung der Epiphysenfugenknorpel der Gliedmaßen). Beruhend auf der exakten Beschreibung der jeweiligen Gebiss- bzw. Skelettbefunde kann mit Hilfe aktualistischer Vergleiche eine Schätzung des Individualalters der erlegten oder geschlachteten Tiere durchgeführt werden.

Isotope: Als Isotope werden die Atomarten eines Elements bezeichnet. Sie haben eine unterschiedliche Anzahl von Neutronen im Atomkern und besitzen deshalb unterschiedliche Atommassen. Alle Isotope eines Elements haben prinzipiell die gleichen chemischen Eigenschaften. Sie verhalten sich aber aufgrund ihrer Masseunterschiede in physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen geringfügig unterschiedlich.

Molekulargenetik: Teilgebiet der Biologie, das sich mit der Untersuchung der molekularen Struktur und Funktion von Genen befasst. Träger der Erbinformation ist die Desoxyribonukleinsäure (DNS).

Morphologie: Morphologie befasst sich mit dem Studium der Form und Struktur von Organismen bzw. in der Archäozoologie mit Skelettresten

Nahrungsnetz: System aus zahlreichen miteinander verbundenen Nahrungsketten; diese stellen den Zusammenhang der Nahrungsbeziehungen in einem Ökosystem dar.

Osteometrie: Studium und Vermessen von Tierskeletten: Zu den pathologischen Veränderungen zählen Unregelmäßigkeiten am Gebiss (z.B. Oligo- und Polyodontie, Stellungsanomalien), Verbrauchs- und Überlastungserscheinungen am Skelett (z.B. chronische Veränderungen an Gelenken und Wirbeln) und die Folgen von Traumen (z.B. Frakturen).

Pathologisch-anatomische Veränderungen:
Zu den pathologischen Veränderungen zählen Unregelmäßigkeiten am Gebiss (z.B. Oligo- und Polyodontie, Stellungsanomalien), Verbrauchs- und Überlastungserscheinungen am Skelett (z.B. chronische Veränderungen an Gelenken und Wirbeln) und die Folgen von Traumen (z.B. Frakturen).

Pleistozän: Älterer Abschnitt des Quartärs; begann vor ca. 2 Millionen Jahren und dauerte bis ca. 12.000 vor heute

Quartär: Jüngster Zeitabschnitt der Erdgeschichte; er umfasst die Epochen Pleistozän und Holozän

Subsistenzstrategie: Übergreifend bestimmte Verhaltensweisen, die auf die Gewährleistung der eigenen Versorgung, der Familie oder Gruppe, d. h. jegliche „Strategie zum Lebenserhalt“, abzielen

Taphonomie: Dieser Begriff setzt sich zusammen aus gr. τάφος für ‚Bestattung‘ und gr. νόμος für ‚Gesetz‘. Der im Deutschen synonym verwendete Begriff ‚Fossilisationslehre‘ verweist auf das Gebiet der Paläontologie, beschreibt aber nur unzureichend das breite inhaltliche Spektrum taphonomischer Untersuchungen im Kontext der >Archäozoologie<. Im Laufe der taphonomischen Geschichte von Tierknochenkomplexen wirkt eine Vielzahl anthropogener und natürlicher Faktoren: Zahlreiche Faktoren wie z.B. die zeitgenössische Selektion der genutzten Tierarten, die Abfallentsorgung oder die Erhaltungsbedingungen entziehen sich unserer Kontrolle. Aber auch die von Archäo(zoo)logen kontrollierbaren Faktoren wie z.B. die angewendete Ausgrabungstechnik oder die Position und die Größe der Grabungsfläche beeinflussen entscheidend das Erkenntnispotential von Tierknochenkomplexen.

Vergleichssammlung: Die osteologische Vergleichssammlung ist das wichtigste Hilfsmittel der Archäozoologie, die je nach Untersuchungsgebiet und Epoche mit den Skeletten der wichtigsten Arten von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen bestückt sein sollte. Für den Aufbau einer osteologischen Vergleichssammlung ist eine aufwändige Infrastruktur erforderlich, die den geltenden gesetzlichen Regelwerken (z.B. Arbeits- und Umweltschutz, Hygiene etc.) entsprechen muss. Neben profunden zoologischen Kenntnissen sind auch präparative und weitere handwerkliche Fertigkeiten beim Aufbau einer osteologischen Vergleichssammlung erforderlich. Ihre kontinuierliche Erweiterung und Pflege erfordert den Einsatz von entsprechenden Personal- und Sachmitteln.

 

 

 

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